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Die schrittweise Reduzierung von Benzodiazepinen: Ein Leitfaden für Patienten (auf Englisch)
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Die Einnahme von Benzodiazepinen ist mit erhöhten Risiken verbunden. Bereits bei einer Einnahmedauer von 4 Wochen machen sie körperlich abhängig, auch wenn sie nach Anweisung des verschreibenden Arztes eingenommen werden. Diese klinische Leitlinie wurde von mehreren amerikanischen Fachgesellschaften gemeinsam entwickelt mit dem Ziel, Ärzte dabei zu unterstützen, Patienten bei der sicheren Reduzierung ihrer Benzodiazepin-Medikamente zu begleiten und dabei Entzugserscheinungen und damit verbundene Risiken so gering wie möglich zu halten.
Abstract
"Beschreibung
Die American Society of Addiction Medicine (ASAM) hat sich mit neun weiteren medizinischen Gesellschaften und Berufsverbänden zusammengeschlossen, die ein breites Spektrum an klinischen Einrichtungen und Patientengruppen vertreten, um Leitlinien zu evidenzbasierten Strategien für die schrittweise Reduzierung von Benzodiazepin-Medikamenten (BZD) in verschiedenen Settings bereitzustellen.
Methoden
Die Leitlinie wurde nach der modifizierten GRADE-Methodik und im Rahmen eines klinischen Konsensverfahrens entwickelt. Der Prozess umfasste eine systematische Literaturrecherche sowie mehrere gezielte ergänzende Recherchen. Die klinische Praxisleitlinie wurde auf der Grundlage einer Überprüfung durch externe Interessengruppen überarbeitet.
Empfehlungen
Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehörten folgende Punkte:
- Ärzte sollten eine kontinuierliche Risiko-Nutzen-Abwägung hinsichtlich der Anwendung und des Ausschleichens von BZD vornehmen,
- Ärzte sollten Strategien der gemeinsamen Entscheidungsfindung in Zusammenarbeit mit den Patienten anwenden,
- Ärzte sollten BZD bei Patienten, die wahrscheinlich körperlich abhängig sind und bei denen das Risiko von Entzugserscheinungen besteht, nicht abrupt absetzen,
- Ärzte sollten die Ausschleichstrategien auf jeden Patienten individuell abstimmen und das Ausschleichen entsprechend der Reaktion des Patienten anpassen,
- und Ärzte sollten den Patienten begleitende psychosoziale Interventionen anbieten, um ein erfolgreiches Ausschleichen zu unterstützen."
Wichtige Aussagen:
Risken und Abhängigkeit
- Benzodiazepine können kurzzeitig genommen hilfreich sein, eine längeren Einnahme kann jedoch schaden.
- Risiken einer Benzodiazepin-Einnahme sind u. a. :
Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Tagesmüdigkeit, Stürze, Autounfälle, Körperliche Abhängigkeit, Entzugserscheinungen bei Absetzen oder Reduzierung der Dosis, versehentliche Überdosierung (z. B. bei gleichzeitiger Einnahme mit Opioiden oder Alkohol)
- Ältere Menschen: Ärzte sollten Benzodiazepine bei Menschen über 65 Jahren aufgrund der Risiken grundsätzlich ausschleichen, sofern keine zwingenden Gründe für eine Fortsetzung der Behandlung vorliegen
- Körperliche Abhängigkeit ist nicht dasselbe wie eine Substanzgebrauchsstörung oder eine Sucht. Eine körperliche Abhängigkeit entwickelt fast jeder, der Benzodiazepine länger als einen Monat regelmäßig einnimmt, selbst dann, wenn das Medikament wie verschrieben eingenommen wird. Eine Sucht entwickeln nur 2%
- Bei einer Benzodiazepin-Einnahme länger als einem Monat täglich oder an den meisten Tagen, besteht wahrscheinlich eine körperliche Abhängigkeit. Die Einnahme des Medikaments darf nicht abrupt beendet werden. Die Dosis sollte langsam reduziert werden, um Entzugserscheinungen so gering wie möglich zu halten.
- Benzodiazepine können zumeist ambulant, unter ärztlicher Anleitung und Begleitung, ausgeschlichen werden
- Allgemeine Prinzipien zum Ausschleichen von Benzodiazepinen sind: Langsam; Patientenzentriert; Flexibel
- Bei der Wahl der Absetzstrategie sollte das Nutzen-Risiko-Verhältnis jedes einzelnen Patienten berücksichtigen. Wenn durch die fortgesetzte Einnahme erhebliche unmittelbare Risiken bestehen, die durch geringere Dosisreduktionen nicht ausreichend gemindert werden können, kann ein schnelleres Absetzen notwendig sein. Liegen keine unmittelbaren Risiken vor, sollte im Vodergrund stehen, die mit dem Absetzen verbundenen Risiken, einschließlich Entzugssymptomen, zu minimieren
- Die allgemeine Empfehlung zum Ausschleichen lautet, mit einer Reduktion von 5 -10% der aktuellen Dosis alle 2 - 4 Wochen zu beginnen. Das Reduktionstempo sollte dann individuell an den Verlauf angepasst werden.
Eine schnellere Reduzierung (z.B. nach einer Kurzzeiteinnahme unter 3 Monaten) sollte in der Regel jedoch 25 % alle zwei Wochen nicht überschreiten.
Für Patienten mit einer starken körperlichen Abhängigkeit (z. B. hohe Dosis, länger als ein Jahr) können Reduktionen von 5 - 10% alle 6- 8 Wochen oder noch langsamer angemessen sein.
Als Richtschnur für Entscheidungen über Dosisreduktionen sollten die Symptome dienen.
- Zum Ende hin kann das Ausschleichen schwieriger werden. Ärzte sollten im Verlauf des Ausschleichens von sich aus geringere Dosisreduktionen und/oder ein langsameres Reduktionstempo in Betracht ziehen.
- Eine Umstellung von einem kurz wirksamen Benzodiazepin auf eine vergleichbare Dosis eines länger wirksamen Benzodiazepin, kann für den Entzug in Betracht gezogen werden, wenn keine Kontraindikation (z. B. Leberfunktion, Verstoffwechselung, andere Medikamente) vorliegt. Die Umstellung sollte langsam über einen Zeitraum von 1 - 2 Wochen erfolgen.
- Die Hyperbolische Dosisreduktion ist eine Strategie zur nichtlinearen, schrittweisen Reduzierung, bei der die Dosisreduktionen im Laufe der Zeit immer geringer ausfallen. Dabei geht es darum einen gleichbleibenden Einfluss jeder Dosisreduktion auf die Rezeptorbelegung aufrechtzuerhalten. Diese Strategie kann bei Patienten mit Entzugserscheinungen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Symptomen mit jeder Dosisreduktion zu verringern.
- Das Auschleichen eines Benzodiazepins kann ein Jahr und länger benötigen, vor allem bei einer höheren Benzodiazepindosis
- Entzugssymptome:
Tabelle verbreiteter Entzugssymptome
- Während des Benzodiazepin-Entzugs treten bei vielen Patienten leichte bis mittelschwere Entzugserscheinungen auf. Bei einigen Patienten treten jedoch selbst bei einer schrittweisen Reduzierung erhebliche Entzugserscheinungen auf. Die Empfehlung lautet dann, das Reduzieren zunächst auszusetzen oder zu verlangsamen und bei Bedarf ergänzende psychosoziale Maßnahmen anzubieten
- Es sollte generell vermeiden werden, wieder auf die vorherige Dosis zurückzugehen, da dies das Ziel einer Neuanpassung der Benzodiazepin-Rezeptorkonzentrationen im Gehirn untergraben kann. Sollten bei Patienten jedoch unerträgliche Symptome auftreten, die durch die oben genannten Strategien nicht ausreichend gelindert werden können, kann in Erwägung gezogen werden die vorherige Dosis wieder aufzunehmen, bis sich der Zustand der Patienten stabilisiert hat und sie die Dosisreduktion fortsetzen können.
- Protrahiertes Entzugssyndrom: Einige Patienten erfahren nach dem Absetzen protrahierte Entzugssymptome, die monate-, bzw. jahrelang anhalten können. Risikofaktoren für ein protrahiertes Entzugssyndrom sind eine Langzeiteinnahme von Benzodiazepinen sowie die Einnahme hochdosierter, schnell wirkender Benzodiazepine. Diese postakuten Symptome können jedoch auch nach dem Absetzen niedrig dosierter Benzodiazepine auftreten.
Aktuelle Leitlinien legen nahe, dass ein schrittweise, langsames Ausschleichen das Risiko langanhaltender Entzugserscheinungen verringern kann.
Quellenangabe:Abschließende Gedanken
"Zu vielen der in dieser Leitlinie behandelten Themen lagen keine kontrollierten Studien vor. Unsere systematische Übersicht ergab keine Studien, in denen Strategien zur ausschleichenden Reduzierung von BZD oder andere wichtige Aspekte der Behandlung von Patienten verglichen wurden, die verschreibungspflichtige BZD einnehmen und bei denen wahrscheinlich eine körperliche Abhängigkeit entstanden ist. Es besteht dringender Forschungsbedarf hinsichtlich bewährter Verfahren für Strategien zur ausschleichenden Reduzierung von BZD, die die Patientensicherheit und optimale Behandlungsergebnisse gewährleisten."
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Brunner, E., Chen, CY.A., Klein, T. et al. Joint Clinical Practice Guideline on Benzodiazepine Tapering: Considerations When Risks Outweigh Benefits. J GEN INTERN MED 40, 2814–2859 (2025). https://doi.org/10.1007/s11606-025-09499-2
Der Originalartikel steht unter einer CC Lizenz 4.0
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